Der syrische Autor Amer Matar Mit dem Kopf in der Hölle

Der syrische Autor Amer Matar Mit dem Kopf in der Hölle

Als Amer Matar, ein syrischer Autor, Journalist und Dokumentarfilmer, an diesem Abend endlich sprechen darf, sagt er leise, entschuldigend fast, dass man heute leider über den Tod sprechen müsse.

Zuvor aber ergreift der Veranstalter das Wort: Er heiße Jahnke, sei Mieter der Akademie für interdisziplinäre Prozesse (afip), und überglücklich, dass sich hier, in diesem Offenbacher Kulturzentrum, so viele Leute für das Intellektuelle engagierten. Amer Matar sei gekommen, um ein bisschen über die Revolution zu sprechen, auch darüber sei er natürlich glücklich. Und vielleicht, sagt Jahnke, säßen irgendwo zwischen den Zuhörern ja einige Redakteure der F.A.Z und ein Mitarbeiter des ZDF – darüber sei er natürlich besonders glücklich. Bevor es aber losgehen könne, habe er noch eine kleine Vorstellung zu machen. Jahnke holt aus einem Nebenraum eine Heizung, die er an einer Hundeleine hinter sich herzieht, und stellt sie als „Marion“ vor. „Marion“ gehe es nicht gut, sagt Jahnke. Aus Geldmangel könne sie das afip im Winter nicht warmhalten. Wer also wolle, dürfe dafür gerne etwas spenden.

Von der Unfähigkeit

Matar lächelt höflich. Erst seit einem Jahr lebt der Syrer in Deutschland, als Stipendiat des „Writers-in-Exile“-Programms, ausgeschrieben vom hiesigen Pen-Zentrum. 2012 floh er über die Grenze nach Jordanien, wo ihn Soldaten festhielten, bis die Heinrich-Böll-Stiftung vermittelte. Schon früh brachte Matar das Assad-Regime mit kritischen Äußerungen gegen sich auf: 2001 war er Mitbegründer von „The Street“, einer Organisation im Kampf für die Pressefreiheit. Anschließend schrieb er für das Feuilleton der in Syrien verbotenen „Annahar“-Zeitung, studierte Journalismus an der Damaszener Universität und dokumentierte den beginnenden Widerstand filmisch auf Al Dschazira, Al-Arabiya und France24. Für einen dieser Dokumentarfilme, „Azadi“, bekam Matar 2011 einen Preis auf dem Rotterdamer Filmfestival. Und damit die ersten Probleme. Zweimal wurde er vom syrischen Geheimdienst festgenommen und gefoltert, stets lautete der Vorwurf, falsche Nachrichten zu verbreiten und die Moral der Nation zu schwächen.

Nun also sitzt er Deutschland, genauer: im hintersten Winkel eines Offenbacher Kulturzentrums am Rande von Frankfurt, umgeben von drei verschleierten Schreibtischlampen und einem leuchtenden Globus, und muss in diesem Rahmen über den Tod sprechen. Matar liest zunächst eine literarische Miniatur auf arabisch vor, die eine Mitarbeiterin des Germanistischen Instituts der Universität Gießen anschließend ins Deutsche überträgt. Der Text handelt von Matars Vorträgen im Exil. Von einem Menschen, der mit dem Kopf in der syrischen Hölle feststeckt und mit dem Körper mitten im vor sich hinplätschernden europäischen Alltag. Er handelt von der Unfähigkeit, das Grauen in Worte zu übersetzen und die Worte in Taten. Eine Situation, die den anschließenden Dialog und das Publikumsgespräch auf gespenstische Weise spiegelt.

„Mittags findet im Rahmen einer syrischen Kunstausstellung in einem kleinen Saal in der Innenstadt eine Veranstaltung zur Situation in Syrien statt“, schreibt Matar. „Knapp fünfzig ältere Leute und ein Freund sitzen da. Wieder wird die gleiche Platte aufgelegt. Das Massensterben in meinem Land. Die Zahl der Toten. Die Bekräftigung, dass die Revolution nicht religiös motiviert ist. Während die immer gleichen Phrasen wiedergekäut werden, verliert Fatima, ein kleines Mädchen, ihren Kopf.“

Wie naiv wir sind

Ein Mann meldet sich und erklärt mit donnernder Stimme, er begreife nicht, wie Matar hier überhaupt noch von einer Revolution sprechen könne. Das sei doch längst ein Bürgerkrieg, da werde ja nur noch aufeinander geschossen.

Matar erklärt, ein Jahr lang habe das gesamte soziale und religiöse Spektrum friedlich gegen Assad demonstriert, dann habe das Regime zu schießen begonnen. Das, sagt er mit leidenschaftsloser Stimme, müsse man wohl eine Revolution nennen.

Eine Frau meldet sich: Also das habe sie jetzt nicht überzeugt. Sie werde das weiterhin einen Bürgerkrieg nennen.

Matar schreibt: „In der Hoffnung, die Weltöffentlichkeit zu bewegen, um den eigenen Untergang abzuwenden, sind die Syrer massenhaft zu Fotografen und Journalisten geworden. Tausende junger Menschen haben zur Kamera gegriffen und dokumentieren ihre Revolution. Einige haben dabei ihr Leben gelassen. Das maßlose Leid hat das Gedächtnis jedes Syrers in ein Massengrab verwandelt. Die Opfer sind Mensch und Ort. Ich entdecke, wie naiv wir sind. Entdecke, dass die Menschlichkeit der Anderen eine Lüge ist, auf die wir hereinfallen.“

Wie ein harmloser Streich

Wie, fragt die Interviewerin, ebenfalls Mitarbeiterin des Germanistischen Instituts der Universität Gießen, sei eigentlich seine Wahrnehmung: Passe die mediale Vermittlung des Konflikts in Europa zu den Bildern, die er im Kopf habe? Matar geht auf die Frage nicht ein, und man weiß nicht: Versteht er sie nur wegen des Dolmetschers nicht, oder will er sie nicht verstehen? Seine Antwort setzt sich zusammen aus Begriffen wie „Zugriff“ oder „Intervention“. Es gehe darum, das Blutvergießen irgendwie zu stoppen, sagt sein Dolmetscher.

Die Interviewerin meldet sich. Das sei ja alles richtig. Sie wolle aber noch einmal auf den Punkt der Wahrnehmung zurückkommen.

Matar schreibt: „ ‚Wir machen uns Sorgen um Euch wegen der Islamisten‘, wird in der kommenden Veranstaltung der nächste europäische Greis bemerken. Wieder werden Kehlen durchtrennt.“

Eine ältere Dame mit Hut und großformatiger Sonnenbrille steht auf. Wenn das so sei, sagt sie, und er Syrien so liebe, warum gehe er dann nicht einfach zurück dorthin, wo er herkomme. Ein Raunen geht durch Saal, Biergläser fallen um, und als schließlich jemand die zeternde Dame hinauswirft, sind sich für einen Moment doch noch alle einig: Applaus brandet auf, Matar lächelt. Aber es wirkt nicht wie ein triumphierendes Lächeln, eher wie das eines Vaters, dessen Kind ihm einen harmlosen Streich gespielt hat.

Eigentlich gescheitert

Amer Matar, 26 Jahre alt, ist beileibe kein gebrochener Mensch mit eingefallenen Augen und leerem Blick. Vor dem Plenum sitzt ein charismatischer, junger Mann. Man könnte ihn sich beim Tanzen vorstellen, beim Trinken mit Freunden, wie er einen völlig inhaltsleeren und dafür umso gehaltvolleren Sommertag am See verbringt. Aber die Langsamkeit seiner Gesten, das Drehen seines Kopfes in Zeitlupe, all das drückt eine Müdigkeit aus, die vielleicht augenfälligstes Merkmal seiner inneren Brüchigkeit ist.

Amar spricht zu Lebenden, aber es wirkt stets, als beziehe er die Toten mit ein. Als bestehe das Publikum aus Hüllen, und als könnte darin kurzzeitig die Silhouette irgendeines Bekannten aufblitzen.

Eigentlich ist das Gespräch gescheitert. Matar aber bleibt höflich, er spricht über Politik, weil das Plenum über Politik sprechen möchte. Assad beherrsche den Grundsatz des Diktums „Teile und herrsche“, sagt Matar, und versuche Schiiten und Sunniten gegeneinander aufzubringen, um die Opposition zu spalten. Als er zum dritten Mal die Notwendigkeit wiederholt, in Syrien militärisch zu intervenieren, setzt Matar hinzu: Falls das nicht möglich sei, könne man auch humanitär helfen.

Die Medien können das syrische Volk nicht retten

Zum Schluss der Veranstaltung zeigt er einen Kurzfilm: Menschen auf der Straße, Gesang, Fahnen, die Revolution als Volksfest. Ein junges Mädchen intoniert den Revolutionsgesang auf der Ladefläche eines Lasters. Später steht sie alleine vor der Kamera, und singt es Matar noch einmal vor. Dann eine Explosion, Geschrei, die Kamera wackelt durch den Staub.

Matar schreibt: „Ich werde aufhören, zu schreiben. Aufhören, die Lüge von der Macht der Medien zu glauben. Aufhören zu glauben, dass die Medien das syrische Volk vor Misshandlung und Tod retten können.“ Warum, frage ich ihn nach der Veranstaltung, mache er das dann. Warum setze er sich diesem Risiko aus – nur um solche Filme zu drehen? Matar lächelt.

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